Über michÜber mich ReiseReise MenschenMenschen GesundheitLeben GesellschaftReportage LifestyleStil

„Falls etwas nicht passt, muss ich den Fehler bei mir suchen“

Er entwirft Kaffeetassen und Restaurants, Armbanduhren und Berghotels, auch Kochtöpfe und Luxusvillen – und das alles weitgehend ökologisch. Der Südtiroler Architekt Matteo Thun spricht über Design aus einer Hand und erklärt, warum er gern eine Kirche für den neuen Papst bauen würde.



Vor zehn Jahren haben Sie in der Südtiroler Berglandschaft mit dem Holzhotel Vigilius Mountain Resort eine neue Ära in Sachen ökologische Architektur eingeleitet. Was würden Sie heute anders machen?
Gar nicht so viel. Mich freut, dass das Resort durch das Lärchenholz eine so schöne Patina bekommen hat. Beständigkeit ist mir wichtig – aber das Fugenbild könnte noch besser sein, doch das beachtet außer dem Architekten sowieso keiner. Dieses Manko ist der Höhenlage von 1500 Metern geschuldet, wir hatten nur sechs Monate Zeit, bevor der nächste Schnee gefallen ist.

Was ebenfalls ungewöhnlich ist: Vom Sockel bis zum Dach stammt alles aus Ihrer Hand …
Die Mailänder Schule, in deren Tradition ich mich sehe, ist bekannt für ihren ganzheitlichen Ansatz. Der kleine Maßstab der Kaffeetasse, der mittlere der Inneneinrichtung und der große des Hochbaus werden simultan nach vorn getrieben. Das führt zu maximaler Harmonie. Und falls etwas nicht passt, muss ich den Fehler bei mir suchen und kann nicht Dritten die Schuld geben.

Einen Fernseher sucht man in den Hotelzimmern vergeblich. Wäre der in einem Fünf-Sterne-Haus nicht Pflicht?
Das Sterne-System funktioniert so nicht mehr. Man kann die Qualität eines Hotels nicht an den Quadratmeter-Zahlen des Badezimmers festmachen. TV-Geräte hätten hier nur über meine Leiche installiert werden können. Ich habe mit dem Inhaber einen Kompromiss gefunden, er hat welche angeschafft – für den Fall, dass jemand fragt. Ich schätze, die stehen jetzt im Keller. Der wahre Luxus, den man hier finden kann, ist Zeit. Und Ruhe. Und der Ausblick auf die Dolomiten ist sowieso das schönste Bild.

Wie kamen Sie überhaupt zum Gestalten?
Über Umwege. Mit 18 Jahren wollte ich Herzchirurg werden mit 20 Pilot. Kunst und Architektur waren schon früh Teil meines Lebens. Seit ich sechs Jahre alt war, habe ich jede Biennale von Venedig besucht. Dass ich das Architekturstudium gewählt habe, lag aber daran, dass es das einfachste und kürzeste war. Ich wollte möglichst schnell weg aus allen Schulen, mich im Beruf beweisen, nicht in der Fiktion.

Wie war der Start ins wahre Leben?
Eine Katastrophe. Nach dem Abschluss, noch dazu mit dem Doktortitel summa cum laude, habe ich keine Anstellung gefunden und musste erkennen, dass mein Studium restlos unnütz war. Also habe ich in Ettore Sottsass’ Mailänder Büro als Design- Autodidakt begonnen.

Dazu haben Sie auch noch den Pilotenschein gemacht …
Ja, und zusammen mit meinem Bruder habe ich einem amerikanischen Soldaten einen Rogallo-Flügel abgekauft. Innerhalb kurzer Zeit wurden wir Mitglieder der italienischen Nationalmannschaft im freien Delta-Flug. Zudem habe ich an den Wochenenden Werbebanner durch die Gegend geflogen, über Fußballstadien, Formel- 1-Rennstrecken, entlang der Strände von Rimini nach Riccione. Aperol war mein bester Kunde.

Haben Sie so Ihr Studium finanziert?
Ja, und meine Lehrzeit bei Sottsass. Ich habe ja kein Geld verdient, musste mir aber die Mailänder Preise leisten. 1984 hat mir mein Lehrmeister ein Ultimatum gestellt, ich musste mich zwischen ihm und dem – in seinen Augen gefährlichen – Fliegen entscheiden. Ich habe den Flugschein bald darauf abgegeben.

Was würden Sie gern noch realisieren?
Ich träume davon, für den neuen Papst eine Kirche zu bauen. Weil ich glaube, dass es ihm gelungen ist, für die römisch-katholische Kirche nach einem historischen Tief wieder Sympathien zu gewinnen.

Wie würde Ihre Kirche aussehen?
Sie sollte ohne Dach sein, die Natur müsste die entscheidende Rolle spielen. Es gibt in Palermo eine Kathedrale, deren Dach vor Jahren eingestürzt ist. Es wachsen nun Olivenbäume und Blumen darin, eine der schönsten Kirchen, die ich kenne. Ich sehe dieses Haus als einen Begegnungsort mit sich selbst.

Sie wurden als Matthäus Antonius Maria Graf von Thun und Hohenstein geboren – wann wurde Matteo aus Matthäus?
Ich habe in jungen Jahren aus praktischen Gründen meinen Namen verkürzt, allein den Namen Matthäus verstand keiner, nicht im Deutschen, schon gar nicht im Italienischen. Ansonsten habe ich es vermieden, meinen Adelstitel als Vorteil zu betrachten, auch wenn ich ihn in meinen Papieren bis heute trage.

War es nicht schön, in einem Schloss aufzuwachsen?
Nein, Schlösser sind für Kinder denkbar unangenehm. Mit zwei paar Socken habe ich versucht, am eiskalten Boden zu spielen. Andererseits hatte ich den Vorteil von sprechenden Mauern und schönen Proportionen.

Wo findet heute Ihr Schaffensprozess statt, ja wohl nicht auf dem Fußboden?
Die Natur ist der beste Ort für das Alleinsein, der beste Rückzugsort für mich. Ansonsten ist der kreative Prozess eigentlich allgegen wärtig, Auszeiten gibt es keine.

Welche Arbeiten entstehen so?
Es macht Klick, das ist der Moment, wenn man weiß, wie es weitergeht. Ich bin der Einzige von 60 Leuten in meinem Büro, der es sich nicht leisten kann, am Computer zu arbeiten. Der wäre zu langsam für die Komplexität, mit der ich konfrontiert bin. Eine Tastatur wäre eine inakzeptable Entschleunigung meiner Gedanken.

An welchem Projekt arbeiten Sie im Moment?
An einem Opernhaus in China. Das Briefing war typisch chinesisch. Auf die Frage, wie sie sich den Bau vorstellen, kam eine Postkarte von der Oper in Sydney. Mein Bestreben ist stets, die Einmaligkeit in den Vordergrund zu rücken. Es muss immer etwas werden, was es in der Form noch nicht gegeben hat."

Erschienen in: Lufthansa Magazin 2/14

Foto: Jacopo Farina


xingxing facebookfacebook xingxing xingxing mailmail