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I love Scandinavia

Ich erinnere mich haargenau an mein erstes Mal. Mein erstes Mal in Stockholm. Es war im Sommer 2009 und ich auf der Durchreise nach Kiruna, 140 Kilometer nördlich des Polarkreises. Zu einer Zelt-Wanderung durch Lappland sollte es gehen, was sich als reichlich ambitioniert erweisen sollte. Aber erst mal war alles eitel Sonnenschein – und beeindruckend schön.

Bei strahlendem Wetter, und für diese Breitengrade überraschend hohen Temperaturen, saß ich mit meinen Wanderkumpanen auf der Terrasse eines Stockholmer Cafés. Worüber sich die Gruppe unterhalten hat, vielleicht die vor uns liegende Route oder die Möglichkeiten zur Gepäckreduktion, ich kann es nicht sagen. Wusste es auch damals nicht. Ich war abgelenkt, da überwältigt.

Klar, es klingt reichlich klischeehaft, aber ich schwöre, ich hatte nie zuvor so viele gutaussehende – und gut gekleidete – Menschen auf einem Fleck gesehen. London ist mir zu schrill, Mailand zu glamourös und selbst in München fühle ich mich immer chronisch underdressed. Aber hier hatte ich sowas wie Heimatgefühle. In lässigen Ankle Boots (ja, auch im Hochsommer), mit wehenden Capes, flatternden Kleidern und in Skinny Jeans liefen sie an mir vorüber, hochgewachsene Blondinen mit Pferdeschwänzen und umwerfend attraktiven bärtigen Männern mit dicken Oberarmen (vom Holzfällen?) im Schlepptau. Ich konnte mich einfach nicht satt sehen an dieser unaufgeregten Art, Stil, Eleganz und Bequemlichkeit zu vereinen.

Leider fehlte mir der Platz im Rucksack für modische Souvenirs. Dieses Trauma habe ich aber später erfolgreich überwunden oder präziser gesagt: weggeshoppt. Mein Kleiderschrank und meine Wohnung sehen inzwischen fast so aus, als würden sie inmitten von Oslo, Stockholm oder Kopenhagen stehen. Beauty-Produkte in Schwarz und Weiß stehen auf der Ablage im Bad, Rauten-Körbe in Pastelltönen im Wohnzimmer und sogar ein babyblauer Brotkasten findet sich in meiner Küche. Ich bin mit meiner Skandinavien-Vorliebe natürlich alles andere als allein. In Deutschland reißt der Absatz für Produkte Made in Scandinavia nicht ab. Das schwedische Label ACNE Studios hat neben den „Pistol Boots“ und der Lederjacke „Rita“ in den letzten Jahren vermutlich mehr heißbegehrte Bestseller auf den Markt gebracht als Isabel Marant und Michael Kors zusammen. Und die Fashion Week in Kopenhagen konnte in Sachen Coolness den Mode-Platzhirschen von einst ebenfalls längst den Rang ablaufen.

Doch bei aller Begeisterung, wozu ich mich nie durchringen konnte, ist, meine brünetten Haare blond zu färben. Daran erkenne ich, dass selbst mein Faible für den hohen Norden (Gott sei Dank) seine Grenzen hat. Die Tour durch die „läppische“ Pampa wurde für mich übrigens zum Höllentrip. Ich sage nur: mehrtägiger Gewaltmarsch mit zahllosen Blasen an den Füßen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Erschienen in: clivia 11/15

Foto: Fotolia


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