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Tief drinnen unbezwingbar

Um Krisen zu bewältigen, muss unsere Seele stark sein. Doch wie bekommt man so eine Psyche, die sich immer wieder aufrichtet?

Die einflussreichste Frau unseres Planeten begann ihr Leben ganz unten. Als Kind wird sie sexuell missbraucht, mit 14 ist sie schwanger, ihr Baby stirbt wenige Wochen nach der Geburt. Es folgt ein Teufelskreis aus Drogen, Alkohol und Essstörungen. Andere würden an diesem Schicksal zerbrechen. Nicht Oprah Winfrey. Sie rappelt sich hoch, schüttelt den Ballast ihrer Kindheit wie Staub aus den Klamotten, wird gefeierte Talkshow-Moderatorin, Medienunternehmerin und zur ersten schwarzen Milliardärin überhaupt.

Aber warum scheinen manche gestärkt aus katastrophalen Lebensumständen hervorzugehen, während sich die meisten Menschenleben nach einem so schweren Start negativ entwickeln würden? Psychologen erklären dies mit dem R-Faktor, dem Maß an Resilienz, das den Betroffenen zur Verfügung steht. Der Begriff leitet sich vom lateinischen „resiliare“ ab, was so viel wie „zurückspringen“ oder „abperlen“ bedeutet. Zunächst wurde er in der Werkstoffphysik verwendet. Materialien wie Gummi sind resilient, wenn sie nach äußerer Verformung wieder in den Ausgangszustand zurückkehren.

Bei Menschen funktioniere das Prinzip ähnlich: „Resiliente Menschen haben die Fähigkeit, sich nach Drucksituationen und Rückschlägen schnell wieder hochzurappeln und dabei optimistisch zu bleiben“, so der Psychologe Denis Mourlane, Autor von „Resilienz. Die unentdeckte Fähigkeit der wirklich Erfolgreichen“. Schicksalsschläge würden an ihnen abprallen wie ein Basketball vom Turnhallenboden. Ins psychologische Vokabular aufgenommen wurde der Begriff bereits in den 1950er-Jahren, doch noch nie stand er so im Fokus wie heute. Die Neurologin und Buchautorin Claudia Croos-Müller glaubt den Grund zu kennen: „Erhöhter Zeitdruck, unsichere Arbeitsverhältnisse, steigende Scheidungsraten, enormer Anspruch an sich selbst und das Leben führen nicht selten zu Burn-out, Angststörungen und Depressionen.“ Gesegnet, wer da auf ein starkes seelisches Immunsystem zurückgreifen kann.

Oprah Winfrey hat sich den Stürmen des Lebens gestellt, ihr Optimismus ist vielleicht mal ins Wanken geraten, gebrochen wurde er nie. Aber es gibt noch mehr Erfolgsmenschen, die einen denkbar schweren Start ins Leben hatten. Die Mode-Ikone Coco Chanel und der Stummfilmstar Charlie Chaplin haben ihre Jugend im Waisenhaus nur knapp überlebt. Aber woher haben sie die Stärke und das Selbstvertrauen für ihre späteren Erfolge nur genommen? In zahlreichen Untersuchungen konnte bestätigt werden: Die Veranlagung zur Resilienz ist angeboren. Menschen mit hohem R-Faktor waren meist schon als Säuglinge offener und freundlicher.

Doch man fand ebenfalls heraus: Innere Widerstandskraft kann bis ins hohe Alter entwickelt werden. Je früher damit begonnen wird, desto besser. „Wer als Kind Wertschätzung, Ermutigung und Unterstützung erfährt, holt auf“, sagt die Mutter der Resilienzforschung, Emmy Werner. Die Entwicklungspsychologin hat seit 1955 700 hawaiianische Kinder von der Geburt an 40 Jahre lang begleitet. 30 Prozent wuchsen unter schwierigsten Bedingungen auf. Von diesen Kindern entwickelte sich ein Drittel erstaunlich gut. Werner konnte so erstmals die Annahme widerlegen, dass Menschen aus Risikofamilien im Leben zwangsläufig scheitern müssen. Ihre Erklärung für die Glückspilze: „Eine stabile Beziehung zu einer Vertrauensperson außerhalb der Familie war Halt und soziales Vorbild zugleich. Außerdem mussten die Kinder früh Verantwortung übernehmen“, was sie in einem gesunden Maße gefordert habe.

Aber selbst im Erwachsenenalter kann dieses Vertrauen noch wie ein Muskel aufgebaut und trainiert werden. Wenn man in der Lage ist, folgende Schwergewichte zu stemmen: „Sorgen Sie für sich selbst, glauben Sie an Ihre Kompetenz, bauen Sie soziale Kontakte auf, entwickeln Sie realistische Ziele, verlassen Sie die Opferrolle, nehmen Sie eine Langzeitperspektive ein, und betrachten Sie Krisen nicht als unüberwindbares Problem“, wie die amerikanische Psychologenvereinigung in ihrer „Road to Resilience“ auflistet. Die sieben Faktoren sind die Quintessenz der Studienergebnisse des Forscher-Duos Karen Reivich und Andrew Shatté. Sie haben zudem das „Resilience Factor Inventory“-Verfahren entwickelt, anhand dessen der R-Faktor objektiv gemessen werden kann. Die Psychotherapeutin Claudia Croos-Müller wiederum nimmt die Muskelmetapher wörtlich. Sie stärkt bei ihren Patienten die für die psychische Gesundheit relevanten Gehirnregionen „mit kleinen Körperimpulsen“, wie sie es nennt. Denn: Körperhaltung beeinflusse mentale Haltung.

Croos-Müller: „Das Gehirn, die Nervenzellen und Synapsen sind nicht statisch, sie verändern sich ein Leben lang, es können gezielt neue Fähigkeiten erlernt werden.“ Dafür hat die Neurologin Übungen entwickelt, die sie als Body2Brain-Methode bezeich- net. „Es geht um die Kräftigung von Eigenschaften, die mental stark machen, wie Gelassenheit, Dankbarkeit, Großzügigkeit und Durchhaltevermögen.“ Allesamt Tugenden, welche die „Queen of Talk“, Oprah Winfrey, im Übermaß zu besitzen scheint. Das gute Gewissen Amerikas wurde in 30 Jahren TV-Präsenz nicht müde, ihren Erfahrungsschatz weiterzugeben und sich für das Hilf-dir-selbst-dann-hilft-dir-Gott-Weltbild stark zu machen. Wer sich davon anstecken ließ, hat Resilienz gelernt, vermutlich ohne den Begriff jemals gehört zu haben.

Erschienen in: Familien Umschau 1/15

Foto: Mark Horn/Gallery Stock, shutterstock, action press


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