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Meister der Alchemie

Ihn umwölkt etwas Geheimnisvolles. Und genau deshalb inspiriert der Mond die Menschen so sehr. Nicht nur zu Gemälden und Gedichten, sondern auch zur Fantasie, dass es Wesen gibt, die sich bei Vollmond verändern. Tatsächlich besitzt der Planet eine starke Verwandlungskraft. Er lässt Meere brausen oder sich ruhig zurückziehen. Auch auf die Eigenschaft von Pflanzen soll er wirken. Unsere Autorin war dem Meister der Alchemie auf der Spur.


Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen und folge dem Lichtkegel, der das Moos zum Glänzen bringt. Ich beeile mich, damit ich die Gruppe um Wanderführerin Margarethe Balla in der Dunkelheit nicht verliere. Eigentlich hätte uns der Mond leuchten sollen, doch wegen des bedeckten Himmels gehen wir im Schein unserer Stirnlampen. Dass der Planet sich ausgerechnet heute so scheu zeigen muss!, schimpfe ich vor mich hin. Als der Weg breiter wird, schließe ich zur Wanderführerin auf, und höre zu, wie sie vom nächtlichen Funkeln der Schneekristalle erzählt. Dafür muss ich wohl ein anderes Mal wiederkommen, denke ich ärgerlich und frage mich wieder einmal, wie es dieser Planet eigentlich schafft, Menschen seit Jahrhunderten in seinen Bann zu ziehen. Schließlich handelt es sich ja bloß um eine kugelförmige Steinwüste ohne Atmosphäre, ohne Leben – ja, nicht mal mit eigenem Licht, er reflektiert doch nur die Sonne! Kaum habe ich diese Worte gedacht, brechen silberne Strahlen durch die Wolken und tauchen das österreichische Dorf Zauchensee, das weit unter uns liegt, in milchiges Weiß. Dieser magische Anblick beantwortet erstmal meine Frage.

Schon im Barock inspirierte der Mond Künstler zu Musikstücken, Gemälden und Gedichten. „Es war eine Zeit, in der man den Mond nur empfinden wollte“, schrieb Goethe über diese Epoche. Und woran lag seinen Zeitgenossen? „Jetzt will man ihn sehen“, kann man bei dem Dichter weiter lesen. Doch trotz Teleskop blieb auch er der emotionalen Kraft des Monds verfallen, und verfasste romantische Zeilen wie diese: „Willst du mich sogleich verlassen! Warst im Augenblick so nah! Dich umfinstern Wolkenmassen, und nun bist du gar nicht da.“

Uns geht es ähnlich. War die Almwiese vor den Tannen gerade noch eine verwunschene Traumlandschaft, ist sie jetzt nur noch eine schwarze Fläche. Trotzdem lässt sich die glänzende Sichel hinter den dunklen Wolken immer wieder erahnen. Als Kind habe ich mir ausgemalt, dass der Mann im Mond darauf wie auf einem Schaukelstuhl sitzt. Der Umstand, dass der Planet zwar immer voll und rund am Himmel steht, aber meist nur teilweise zu sehen, machte ihn übrigens auch zu einem Symbol in der Psychologie: „Jeder ist ein Mond und hat eine dunkle Seite, die er niemandem zeigt“, schrieb beispielsweise Mark Twain.

Wir legen eine kleine Pause ein, holen die Thermoskannen heraus und wärmen die Hände am dampfenden Tee. In der Ferne ruft ein Käuzchen, ansonsten regt sich nichts. „Ich erinnere mich an eine Vollmondnacht auf den Malediven“, sagt eine der Mitwanderinnen in die Stille hinein. „Der Sand war so strahlend weiß, wie Schnee.“ – „Ich mache ja bei Vollmond kein Auge zu“, erklärt eine andere Frau. „Dagegen kenne ich ein gutes Mittel“, schaltet sich unsere Wanderführerin ein und erzählt, dass eine Freundin von ihr einen Vollmondsirup aus Lavendel, Schafgarbe und Johanniskraut braut. „Laut Mondkalender wirken Kräuter an Vollmond übrigens besonders intensiv“, fährt Margarethe Balla fort. Das ist mein Stichwort: „Glauben Sie denn an den Mondkalender?“, frage ich. „Unbedingt“, lautet die überzeugte Antwort. „Hier auf dem Land haben die Menschen seit jeher einen direkten Draht nach oben. Landwirte fachsimpeln sogar am Stammtisch über die besten Mondtage, um Heu einzuholen, Schafe zu scheren oder die Kühe auf die Weide zu bringen. „Diese Regeln beruhen auf jahrhundertealter Erfahrung und werden von Generation zu Generation weitergegeben.“

Wie früher bei mir zu Hause. Damals richtete sich in unserer Familie auch alles nach dem blassen Planeten. Zum Friseur gingen wir bei Vollmond, weil meine Mutter schwor, dass die Haare dann dichter nachwachsen würden. Und Zahnarzttermine legte sie in die Phase des zunehmenden Mondes – nur nicht auf Stiertage. „Stiertage“, fragen die anderen Teilnehmer. Margarethe Balla nickt mir lachend zu: „Wenn Sie wollen gebe ich Ihnen allen morgen einen Crashkurs in Astrologie. Treffpunkt ist der Mondpfad unten in Zauchensee.“ Sie richtet sich auf – und wir stapfen weiter durchs Dunkel. Denn den Mond umfinstern immer noch Wolkenmassen, um mit Goehte zu sprechen.

Bei dem Mondpfad handelt es sich um einen Parcours mit sieben Stationen, die einem die Gesetze des Himmels näherbringen. Darunter befinden sich unter anderem eine Sternwarte mit Aussichtsplattform und der „Kräutergarten im Mondkrater“. Wir erfahren, dass es für jedes Kraut einen idealen Ernte-, Verarbeitungs- und Einnahmezeitpunkt gibt. Wer zum Beispiel eine Entschlackungskur machen will, sollte am besten bei Neumond damit beginnen, und zwar mit einem Brennesselsud.

Die nächste Station ist das Mond-Karussell. Ich schwinge mich in einen Sessel – und los geht’s mit der Umkreisung der Erde. Monde in unterschiedlichen Größen und Formen fliegen an mir vorbei. Am Ausgangspunkt mache ich Halt und sitze direkt vor einer Sonne. Dann drehe ich mich mit meinem Stuhl um und blicke auf eine Sonnenfinsternis – der volle Mond hat sich ganz und gar über den Feuerball gelegt. Anhand dieses Karussells erklärt uns Margarethe Balla jetzt die Sache mit den Stiertagen. Bei seiner etwa 28-tägigen Reise um die Erde durchquert der Mond nämlich auch die Tierkreiszeichen und hält sich in jedem etwa zweieinhalb Tage auf. „Deshalb haben wir nicht nur ein Sternzeichen, sondern auch ein Mondzeichen“, sagt unsere Expertin – und blickt ihn ahnungslose Gesichter. Wie findet man das denn heraus? Indem man sich einfach im Internet berechnen lässt, in welchem Tierkreiszeichen der Mond zum Zeitpunkt der Geburt stand.

Je länger ich Margarethe Balla zuhöre, desto präsenter werden mir die Gewohnheiten meiner Mutter. Zum Beispiel säte sie Blumen nur an Luftzeichen-Tagen aus. Damals habe ich das als Marotte abgetan, jetzt scheinen mir diese Regeln immer plausibler. Spätestens bei der letzten Station bin ich endgültig überzeugt. Denn dort kommen nicht nur Kräuterhexen und Sterndeuter auf ihre Kosten, sondern Menschen mit handfesteren Leidenschaften: Präsentiert wird das sogenannte Mondholz. Und sogar eine Studie der Universität Zürich belegt, dass Holz, das bei abnehmendem Mond geschlagen wird – am besten, wenn er im Steinbock steht – widerstandsfähiger gegen Parasiten und Feuer ist. „Ein Architekt aus der Gegend arbeitet nur so“, erzählt Margharethe Balla. Er verwendet nicht einmal Nagel oder Leim, sondern steckt das Holz einfach zusammen.“

Ich habe es mir auf einer der Mondholz-Bänken gemütlich gemacht und bin in Gedanken versunken. Diese Verwandlungskraft, die dem Mond innewohnt, hat etwas Alchemistisches. Nicht nur, dass sich sein Aussehen ständig verändert, er scheint auch das Wesen der Natur beeinflussen zu können – jenseits von Ebbe und Flut. Und da ist es wieder das Wort, das mir schon bei der Nachtwanderung in den Sinn kam, als das Dorf unter uns im Tal für kurze Zeit in silbernem Licht badete: Magie. Der Mond verzaubert uns! Lässt uns Menschen erfinden, die durch sein Licht zu Wehrwölfen werden. Und gaukelt uns vor, dass Schlafende bei Vollmond zu Nachtwandlern werden, wogegen sich die Forschung übrigens vehement wehrt.

Am Abend, die Sonne ist bereits untergegangen, komme ich auf einen letzten Besuch zum Themenpfad. In der Sternwarte bin ich mit Siegfried Hollinger, einem Hobby-Astronomen, verabredet. Während der Bautechniker wie jeden Montag sein Teleskop aufbaut, will ich von ihm wissen, was er denn so von den Zauberkräften des Mondes hält. „Wenig“, antwortet der 33-Jährige ohne Umschweife. Ganz Kopfmensch vertraue er lieber Beweisen und dem, was man mit den eigenen Augen sehen kann. Leider ist das heute nicht viel. Als ich einen Blick durch das Okular wage, das schräg in den Himmel zeigt, sehe ich weder Krater noch Meere, nur Schwarz. Mal wieder hat sich eine Wolkendecke zwischen mich und den Mond gelegt. Er will sich einfach nicht enthüllen. Ganz nach dem Motto: Mach dich rar, und du bist ein Star. Aber ich bin ihm trotz seiner Zurückhaltung schon etwas auf die Spur gekommen. Zumindest weiß ich, dass sich sein Geheimnis nur lüften lässt, wenn man ihn sehen und fühlen will. Goethe wusste das auch.

Erschienen in: Emotion 3/14

Foto: Plainpicture


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