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Gute Raten sind nicht teuer

„Menschen brauchen kein Mitleid, sie brauchen Kapital." Klingt hart? In Moldawien steht dieses Credo für Hoffnung. Die WIENERIN war vor Ort – um zu sehen, wie eine kleine Finanzspritze das Leben von Generationen verbessert.

Ein Mann Mitte dreißig läuft die Einkaufsstraße von Chişinău hinunter und spricht mit fester Stimme in ein Megafon. Es klingt, als würde er eine Abendveranstaltung ankündigen, einen Zirkus vielleicht. Nur ein paar Meter hinter ihm geht Leopold Seiler. Der Wiener versteht ein paar Brocken Russisch, genug um zu realisieren, dass es nicht um Unterhaltung geht, sondern ums nackte Überleben. „Arbeit, ich suche Arbeit, gebt mir Arbeit!“, ruft der Mann. Seiler, dem Investmentbanker aus Wien, läuft es kalt über den Rücken. Immer noch. Immer wieder. Er kennt Armut, hat sie in vielen Ecken der Welt gesehen, darunter Mütter auf den Straßen von Brasilien, die ihren vor Hunger schreienden Kindern ein vermeintliches Abendessen kochten. Aus Kieselsteinen.

Die Armut beginnt aber nicht erst in den Favelas Südamerikas oder in den Dürrezonen Afrikas. Die Not regiert bereits zwei Flugstunden von Wien entfernt. In Moldawien, einem der ärmsten Länder Europas, eingebettet zwischen Rumänien und der Ukraine. Hier, in der Hauptstadt Chişinău, ist der Mann, der per Megafon um Arbeit bettelt, kein Einzelfall. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 140 Euro im Monat, zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Leopold Seiler: „Das Land ist trotz fruchtbarer Böden bitterarm.“ Schuld daran: Misswirtschaft während der Sowjet-Zeit, mangelnde Infrastrukturen, keine eigenen Energiequellen und die überalterte Gesellschaft – weil jeder, der jung und fit genug ist, ins gelobte Moskau zieht, wo er an einem Tag so viel Geld verdienen kann wie zu Hause in einem ganzen Monat.

Doch das Land rappelt sich hoch. Einer, der dabei helfen will, ist Vermögensberater Seiler. Seine Strategie: „Ich bringe meine inanzkräftigen Kunden (jene, die ab 350.000 Euro investieren, Anm. der Red.) dazu, einen Teil ihres Geldes in die gute Sache einzubringen.“ Dafür hat Seiler 2006 den Mikrofinanz- Fonds Vision Microfinance (www.microfinance.at) mitinitiiert. Der Fonds steckt sein Geld in 62 Mikroinanzorganisationen (MFIs) in 21 Ländern Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas. Die MFIs wiederum verleihen kleine Beträge, im Schnitt 1.500 Euro, über eine durchschnittliche Zeitspanne von 18 Monaten an mittellose, aber arbeitswillige Bauern, Handwerker oder Händler. Sie investieren das Geld in Webstühle, Traktoren, Nähmaschinen, um sich eine Existenz aufzubauen. Die von 238.000 Menschen (darunter 52 Prozent Frauen) konnte so bisher gesichert werden.

Leopold Seiler setzt sich ins Mietauto, lässt Chişinău hinter sich und fährt aufs Land. Vorbei an Wiesen, Feldern und unzähligen brachliegenden Äckern. Kurz hält er an, atmet tief ein. Es soll hier die beste Luft der Welt geben, hat er gelesen. Weil es kaum Industrie gibt, und das wichtigste Transportmittel noch immer der Eselkarren ist. Von weitem leuchtet ein Firmenschild. Der einzige Lebensmittelladen weit und breit: Es ist Seilers erstes Ziel auf dieser Reise.

Donna Maria, wie Maria Simion genannt wird, läuft ihm schon entgegen. Sie ist die Besitzerin des Lebensmittelgeschäfts und zeigt dem Gast stolz die Regale, auf denen sich Zucker, Konservendosen, Zigaretten und vieles mehr für den alltäglichen Bedarf stapeln. Bei einer Flasche Limonade erzählt die 38- Jährige, dass sie acht Jahre lang in Moskau gearbeitet hat, um das Geschäftslokal bauen zu können. Geld für den Wareneinkauf hat ihr aber gefehlt. Mit dem Mikrokredit von 3.600 Euro konnte sie schließlich eröfnen. „Die Lei rollen nur so“, freut sie sich. „Bald werde ich eine Werkstatt zum Reparieren von Autos anbauen können.“ Die soll ihr 17-jähriger Sohn betreiben, der die Russland-Jahre der Mama zu Hause bei der Oma verbracht hat. Träume? Hat sie keine. Urlaub? Braucht sie nicht. „Wer hart arbeitet, hat keine Zeit zu sterben“, lacht sie. Ihr Lachen klingt zufrieden.

Leopold Seiler macht sich wieder auf den Weg. Im Auto findet der 40- Jährige, der nebenbei an der Donauuniversität Krems Wirtschaftsethik und Portfoliomanagement unterrichtet, Zeit zum Erzählen. Etwa, dass er nicht immer so sozial war. Und dass seine Geschichte die vom Saulus zum Paulus ist. Knapp 20 Jahre lang ging es ihm im Job um hohe Gewinne, egal zu welchem Preis. Dann kam die Krise. Nicht die Wirtschaftskrise, sondern eine persönliche. Während andere mit Mitte dreißig dicke Autos kauften, fuhr Seiler nach Singapur und lernte dort bei einer Tagung Muhammad Yunus, den Gründer der Grameen Bank, kennen. Yunus, damals noch kein Friedensnobelpreisträger, hat Seiler so beeindruckt, dass er zurück in Wien seinen Kunden Mikrofinanzanlagen anbieten wollte. Bloß: Die gab’s nicht. Drei Jahre lang reiste er durch die Armenviertel der Welt, und betrieb Feldforschung. Um schließlich mit Partnern einen speziellen Fonds aus der Taufe zu heben, den ersten und einzigen seiner Art in Österreich. 90 Millionen Euro haben er und seine Mitstreiter seither für das menschenfreundliche Kapitalgeschäft gesammelt – der Etat der österreichischen Entwicklungshilfe liegt bei 100 Millionen. Die Idee, die Armen zu finanzieren, damit die Reichen daran verdienen, schien zunächst jedoch kaum einem Geldmarktproi einzuleuchten. Erst als Erste Bank-Chef Andreas Treichl auf den Zug aufsprang, kam das Geschäft ins Rollen. Der Fonds kann auf Anfrage bei zahlreichen Banken ab 1.000 Euro gezeichnet werden.

Auf dem Weg zum nächsten Termin holt Leopold Seiler noch Sergiu Tanasiev ab, den Loan- Officer. Meist wird sein Berufsstand „Banker der Armen“ genannt. Er hat den Kredit mit Natalia Arteom eingefädelt. Vor drei Jahren borgte sie sich 500 Euro und kaufte damit Saatgut und Planzen. Mit dem zweiten Kredit um 1.500 Euro baute sie ein Gewächshaus, mit dem nächsten will sie einen Kleinbus leasen, um ihr Gemüse in die Hauptstadt bringen zu können. Der Plan dahinter: Sie will mit ihrem Gemüsehandel die Ausbildung ihrer drei Töchter finanzieren. Natalia ist eigentlich Lehrerin, auch ihr Mann unterrichtet an der Dorfschule – das Geld würde nicht reichen.

Loan-Officer Tanasiev kommt oft bei seinen Kunden vorbei, um nach dem Rechten zu sehen – und eine Maschine zu reparieren oder mitzuhelfen, einen Karren aus dem Dreck zu ziehen. Nächstenliebe? Nicht nur. Erst, wenn ein Kreditnehmer seine Schulden beglichen hat, wird Tanasievs Bonus fällig. Also packt er schon mal mit an, wenn es wo hakt. Und zurückbezahlt wird fast immer. Die Ausfallrate der Kleinkredite liegt zwischen 0 und 0,5 Prozent. Artur Munteanu, Geschäftsführer des moldawischen Mikrofinanzinstituts Microinvest, sagt: „Wir setzen an dem an, was möglich ist. Wie viel kann jemand zurückzahlen? Wofür gibt es einen Markt?“ In Zahlen ausgedrückt heißt das: Für ein Darlehen an die Bank nimmt der Fonds acht Prozent Zinsen. Die Bank wiederum vergibt den Kredit für 24 Prozent. Seiler: „Zuvor waren die Menschen oft auf Geldverleiher angewiesen, die ihnen an die 20 Prozent Zinsen abnahmen – pro Tag.“ An den Investor wiederum fließt eine Rendite von fünf Prozent. Deutlich mehr als bei anderen Finanzprodukten und das auch im Jahr der globalen Finanzkrise. Der, der in diesem Geldkarussell am wenigsten verdient, ist Leopold Seiler. „Anderenfalls müssten wir die Zinsen bei den Kreditnehmern raufschrauben oder die Rendite runter, das will ich nicht. Millionärsberatung ist mein Beruf, Mikrofinanz meine Berufung“, sagt Seiler. „Wäre ich Tischler, würde ich in Äthiopien unentgeltlich Kastl in einem Krankenhaus zusammenbauen. Das ist eben mein Beitrag zu einer besseren Welt.“

Kastln zusammengebaut werden dafür bei Leopold Seilers letztem Besuch für heute. Er parkt das Auto im Hinterhof und wird von lauten Sägegeräuschen begrüßt. Ludmila Pac führt hier seit fünf Jahren eine Möbelwerkstätte. Am Marktplatz von Chişinău hat sie zudem drei Container angemietet, in denen ihre Küchenschränke, Sofas und Betten verkauft werden. „Früher war ich eine unterbezahlte Journalistin, heute bin ich eine Geschäftsfrau mit fünf Angestellten“, erzählt die 49-Jährige und lässt ihren Goldzahn blitzen. Ihr Mann fährt die fertigen Möbel von der Tischlerei zum Verkauf. Die Auftragslage wird immer besser, berichtet Ludmila. Für Leopold Seiler die größte Bestätigung, weiter an seinem Grundsatz festzuhalten: „Mitleid hilft den Leuten nicht, Zugang zu Finanzmitteln aber sehr wohl.“

Erschienen in: WIENERIN 11/09

Foto: Leopold Seiler


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