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Beständig wie Leder

Er hätte für Prada oder Dior entwerfen können, aber Frank Leder wollte lieber sein eigenes Ding machen. Männer-Mode, die hip ist, gleichzeitig traditionell und beständig – mit innovativen Materialien, alter Handwerkskunst und zu hundert Prozent „Made in Germany“.

Frank Leder. Expeditionen, Seilschaften, Gratwanderungen und Abstiege“ steht auf dem Schild. Doch erst mal geht es hoch in den zweiten Stock. Ein schlanker Mann mit 10-Tage-Bart und Samurai-Dutt öffnet die knarzende Tür. Seit sieben Jahren befindet sich in der 200-Quadratmeter-Altbau-Wohnung in Berlin Charlottenburg das Atelier und seit einem Jahr auch der Showroom des Mode-Machers. Dutzende Einmachgläser aus Großmutters Zeiten stapeln sich dekorativ im Fensterrahmen des Empfangsraums, an der Wand hängt das Skelett eines alten Kanus, auf dem Beistelltisch türmt sich Rosshaar. „Das stammt alles von Fotoshootings oder früheren Arbeiten. Ich kann die Sachen einfach nicht wegschmeißen. Ich bin nun mal ein Sammler“, sagt Frank Leder fast schon entschuldigend. Langlebigkeit, Liebe zum Detail, #authentizität, das sind generell Werte, die den Unternehmer – und seine Kreationen – auszeichnen.

Der 41-Jährige geht in einen hellen Raum. an einer meterlangen Stange hängt seine Ware: Zwischen Hosen, Hemden, Jackets, Cardigans und Westen in gedeckten Farben blitzen ein paar orange- und rotfarbene Stücke hervor. Modern sind die Schnitte, traditionell muten die Materialien an. „Ich arbeite gern mit außergewöhnlichen, oftmals alten und in Vergessenheit geratenen, Stoffen.“ Und so hat er der Deutschleder-Baumwolle, wie sie die Dachdecker früher trugen, dem Schladminger-Filz der Schäfer, dem Luis Trenker-Cord der Bergsteiger neues hippes Leben eingehaucht. An einem Haken hängt ein Duffel-Coat, so dick wie ein Teppich. „Die Schneider haben mich verflucht, weil kaum eine Nähmaschine durch dieses robuste Gewebe kommt.“ Die Verschlüsse des Herrenmantels bestehen aus klobigen Kohlestücken der japanischen Eiche. Überhaupt würde es dem Designer nie in den Sinn kommen, industriell gefertigte Knöpfe zu verwenden. Seine müssen Geschichte haben – deshalb freut sich Leder, wenn er einen Dachbodenfund oder den Bestand einer ehemaligen Schneiderei aufkaufen kann.

Alte Handwerksberufe faszinieren Frank Leder. Er selbst liebt es, Gürtel zu fertigen. „Das hat etwas Meditatives.“ Für die Kollektion, die hier hängt, hatte er einen Köhler vor Augen. Leder: „Ich sah einen einsamen Mann, der im Wald sein Dasein fristet und fast schon verrückt wird vom Kohlenmonoxid, das in der Luft hängt.“ Auch seine Kunden empfinde er als Männer, „die ihr eigenes Ding machen. Es sind definitiv keine Leute, die mit dem Strom mitschwimmen und gedankenlos konsumieren.“ Ein Kohlehändler und ein Schornsteinfeger rundeten das verrauchte Bild ab. Und auch sonst setzt Frank Leder, der an einer der renommiertesten Modeschulen der Welt, am „Central Saint Martins College of Art and Design“ in London studiert und von 2002 bis 2004 an der Londoner Fashion Week seine Arbeiten präsentiert hat, auf heimisches Handwerksgeschick. Die Hemden, die später für rund 250 Euro verkauft werden, sind in Bayern genäht, die Hosen für 350 Euro nahe Chemnitz, die Pullover für 400 Euro zum Teil von alten Damen per Hand gestrickt. Die Stoffe sind ebenfalls „Made in Germany“. Zur Qualitätskontrolle kommen alle Stücke ins Berliner Hauptquartier, wo sie vom Meister und seinem Team geprüft werden, um danach auf die Reise geschickt zu werden. Die beginnt immer in der Berliner Küche des Ateliers, wo sich das Verpackungsmaterial stapelt, und endet oft in Japan.

Rund siebzig Läden in Tokio und anderen fernöstlichen Metropolen verkaufen Frank-Leder-Ware. „Japanische Männer sind offen für neues Design. Weil sich alle sehr ähnlich sehen, brauchen sie etwas, um sich abzugrenzen, da ist Mode ein gutes Hilfsmittel.“ Weitere wichtige Märkte sind die USA und Großbritannien. Auch der Designer freut sich, wenn er sein gewohntes Terrain verlassen und sich auf zu neuen modefremden Expeditionen machen kann. So hat er in den 15 Jahren seiner Selbständigkeit Möbel entworfen, einen Rucksack entwickelt, neuerdings macht der Kreative auch in Kosmetika. Allein die Verpackungen sind schon kleine Kunstwerke, antik anmutende Glas-Fläschchen, hochwertige Bakelit-Verschlüsse, liebevoll illustrierte Kartons. Die Einmachgläser im Fenster haben ihn zum Rhabarber-Duschgel „Eingemachtes“ inspiriert, seine Seife „Roter Preßsack“ enthält alle Gewürze der Fleischware, - derzeit wird an einer rauchigen Produkt-Neuheit gearbeitet – auch hier dürfte die Gratwanderung zwischen Fashion und Beauty glücken. „Ich finde es schön, wenn die Mode eine flüssige Erweiterung erfährt“, sagt der Mann mit rollendem R, an dem man seine fränkische Abstammung erkennen kann. Apropos „Wurzeln“. Die nächste Sommerkollektion wird diesen Titel tragen. Für die Entwürfe ließ sich der Tausendsassa an deutschen Kleinststädten inspirieren. Ausgewählt hat er die Orte nach ihren Wappen. „Ich habe mit dem Vergrößerungsglas reingeschaut, um zu sehen: Was zeichnet die Menschen aus? Was sind ihre Eigenheiten? Wie kleiden sie sich?“ um das Thema der Heimatverbundenheit aufzubrechen, wird er einmal mehr eine seiner privaten Seilschaften strapazieren. Sein schottischer Musikerfreund Fran Hayley, Sänger der Rock-Band Travis, wird als Model für die Linie fungieren. „Berufsmodels würden nicht zu mir und meinem Label passen.“

Demnächst wird es erstmals Unterhosen von Frank Leder geben. Weil er keine Lust mehr hatte, fremde Wäsche zu tragen. „Ich trage am liebsten meine eigenen Sachen.“ Heute sind das ein graues Hemd, blauer Strick-Cardigan, brauner Ledergürtel. Einschränkungen gibt es, die Lederschuhe sind Fremdware, genauso wie die schwarze Jeans, die von ACNE stammt. Wem seine ohnehin schon exklusiven Stücke nicht individuell genug sind, der kann sich bei Frank Leder auch ein Outfit maßschneidern lassen. Das wird nach den Regeln der alten Schneiderkunst aus edlem Tuch hergestellt, mit Rosshaar als Futter. Rund 2000 Euro kostet ein Maßanzug. Die Geschäfte laufen gut – deshalb hat es Frank Leder auch nie bereut, dass er nach dem Masterabschluss nicht dem Lockruf namhafter Labels wie Prada, Dior oder Chanel gefolgt ist, um in deren Design-Teams zu arbeiten. „Ich wollte nie die Bilder anderer Leute ausmalen, ich wollte meine eigenen schaffen.“ Das ist ihm gelungen.

Erschienen in: VALUA 2/15

Foto: PR


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