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Wanderslust

Das „Hej, hej“ zur Begrüßung meiner „Leidensgenossen“ ging mir schon recht locker von den Lippen. Ansonsten fühlte sich an meinem Körper rein gar nichts mehr locker an. Tag zwei war es, Halbzeit sozusagen, auf meiner 110-Kilometer-Wanderung durch Schwedisch-Lappland, als meine Zehen und Fersen in den Schuhen bluteten und die Beine fast unter mir wegbrachen.

„Wandern? Das kann nicht so schwer sein“, hatte ich gebürtiges Bergkind mir gedacht, als die Einladung zum alljährlich im August ausgetragenen Fjällraven Classic kam, bei dem rund 2.000 Menschen aus der ganzen Welt mitlaufen. Und das, obwohl mein letzter Trekking-Ausflug schon ein paar Jährchen zurücklag. Ich freute mich. Nicht zuletzt, weil es die perfekte Gelegenheit war, den Kleiderschrank mit neuen Funktionsklamotten aufzufüllen. Bei der praktischen Hose (abnehmbare Beine), der wasserdichten Softshell-Jacke und den hochgepriesenen Hightech-Socken blieb es nicht. Ein Expeditionsrucksack, ein Zelt, Campingkocher sowie Isomatte kamen ebenfalls in den Warenkorb beim Online-Versand. Zudem erstand ich so Wanderschuhe, für die ich eigentlich eine persönliche Beratung gebraucht hätte. Im Nachhinein betrachtet. Denn ich doppelklickte bei Größe 38. Wo denn sonst?

Ein einziges Mal habe ich die Dinger getragen, knapp zwei Stunden lang, bevor ich damit über Stockholm nach Kiruna, 150 Kilometer nördlich des Polarkreises, geflogen bin. Neben den praktischen Einkäufen mit im Gepäck: ein mulmiges Gefühl. Nach dem ersten Wandertag tat mir alles weh, was einem so wehtun kann. Die Oberschenkel brannten, der Rücken schmerzte vom 13 Kilo schweren Rucksack und die Zehen waren wund, eingequetscht in Schuhen, die sich allzu schnell als viel zu klein erwiesen hatten. Ich hasste mich: Was für eine leichtfertige Entscheidung, bei so einem Höllenmarsch mitzumachen.

Die Menschenmassen vom Start hatten sich schnell gelichtet, das Land ist schließlich weit genug. Ich war das Schlusslicht meiner Wandergruppe, wollte nicht reden und die Kraft mit Smalltalk vergeuden. Nur kurz blieb ich zwischendurch stehen, um die Trinkflasche in einen Bach zu tauchen, in dem sich das Grün der Moose spiegelte. Schemenhaft nahm ich die malerische Landschaft wahr. Ich hatte meinen Blick meist auf den Boden gerichtet, hangelte mich von Stein zu Stein, stieg konzentriert durch kleine Bäche, manchmal über Holzbalken, die der Veranstalter über gar zu unwegsames Gelände gelegt hatte.

Trotz blutiger Zehen war ich ab dem dritten Tag merkwürdig eins mit mir. Keine Gedanken, die davongaloppierten. Nichts. Nur innere Ruhe. Nach insgesamt 79 Stunden, 54 Minuten und 44 Sekunden marschierte ich durchs Ziel und warf als Erstes meine Schuhe in die Ecke. Abends, beim Feiern im Pub, stießen wir mit Bier an. Was mich dieses Abenteuer gelehrt hat? Erstens: dass man durch die Hölle muss, um im Himmel anzukommen. Zweitens: dass man Wanderschuhe gar nicht groß genug kaufen kann.

Erschienen in: clivia 6/16

Foto: Fotolia


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