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Frühlingsgefühle?

Nein, das „?“ in der Headline ist weder Druck- noch Tippfehler. Ich frage mich tatsächlich, was es mit diesen berühmt- berüchtigten Frühlingsgefühlen auf sich haben soll: mit diesem „Die-Blumen-blühen-die-Schmetterlinge-fliegen.“ Bei mir ist es anders: Ich verliebe mich auch sonst ständig. Egal was der Kalender gerade anzeigt. Aber vielleicht liegt es ja auch daran, dass ich eine Frau bin.

Damit bloß keine Missverständnisse entstehen: Ich liebe diese Jahreszeit, die diesmal (astronomisch) am 20. März eingeläutet wurde. Ich mag den intensiven Geruch der Apfelblüten, die Sonnenstrahlen, die mich morgens sanft wachkitzeln und meine knallbunten Sneakers, die mich endlich wieder durch den Tag tragen. Aber das Phänomen, der jetzt aufwallenden Hormone, habe ich bislang noch nicht am eigenen Leib gespürt. Vielmehr habe ich knapp zehn Jahre lang meinen „Beziehungs-Jahrestag“ am 15. November gefeiert. Weniger Frühling geht nicht.

Experten wissen zudem: Die Liebes-Tollheit liegt – rein physiologisch gesehen – gar nicht an den steigenden Außentemperaturen, den kürzer werdenden Röcken und den tieferen Einblicken, sondern an dem vermehrten Licht, das uns offener macht für das Leben und das andere Geschlecht. Denn: Das Sonnenlicht stimuliert die Produktion des Glückshormons Serotonin und hebt damit automatisch die Stimmung. Aber das ist nicht der einzige Botenstoff, der jetzt Auftrieb bekommt. Tatsächlich unterliegt das männliche Testosteron direkt einem jahreszeitlichen Rhythmus. Im Frühling wird mehr davon produziert als zu den übrigen Jahreszeiten. Und: Ist der Testosteronspiegel erhöht, fühlt sich der Mann wohler in seiner Haut, er wird selbstbewusster und auch sein Trieb ist gesteigert. Bei Frauen hingegen gibt es solche ausgeprägten jahreszeitlichen Rhythmen nicht. Weshalb sich im Laufe der Jahre die weibliche Emanzipation auch an folgendem Fakt ablesen lässt: Der „Wonnemonat“ Mai wurde vom Dezember abgelöst. In den 1970er Jahren, als dieser Begriff geprägt wurde, war der Mai noch jener Monat, in dem die meisten Kinder gezeugt wurden. Jetzt ist es der Dezember. Anthropologen glauben, es liegt daran, dass der biologische Rhythmus von einem sozialen abgelöst wurde. Hormonbiologe Alexander Lerchl etwa meint: „Man kuschelt heutzutage im Dezember mehr.

Zudem werden am Jahresende mehr Feste gefeiert, gleichzeitig hat man mehr Ruhe, mehr Zeit, auch zum Kinder zeugen. Und für alle, die wie ich, noch auf den Kick der Saison warten, hat der Forscher einen Tipp parat: „Frühlingsgefühle können tatsächlich durch sportliche Aktivitäten gefördert werden oder durch einen morgendlichen Spaziergang, wenn es hell ist.“ Ich würde sagen, Grund genug für einen Satz neuer Sport-Klamotten in Neon-Gelb. Denn wer weiß, wer mir beim Joggen so über den Weg laufen wird. Vielleicht ein gutaussehender Mann, dem sein Testosteronspiegel ein freundliches Lächeln abringt und genug Mut, das leuchtende „Ding“ beim Vorbeilaufen anzusprechen?

Erschienen in: clivia 4/16

Foto: Fotolia


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