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Die Liebe als Moment der Warheit

Es ist eine bewegte Suche nach Wahrhaftigkeit, die zu Herzen geht: Im Mittelpunkt von „La Veritá“ der Compagnia Finzi Pasca steht die surreale Darstellung eines Liebespaares von Salvador Dalí. Dem behutsamen Zirkus-Choreographen Daniele Finzi Pasca ist mit diesem Werk eine suggestive Inszenierung gelungen: „Es ist wie mit offenen Augen zu träumen“, schrieb eine kanadische Zeitung.

Ein Paar liebkost sich anmutig auf einer schwindelerregend hoch baumelnden Schaukel. Ein überdimensionaler Kreisel rotiert mit menschlicher Fracht durch den Raum. Wie schwerelos hängt ein Körper waagrecht an einer Eisen-Stange. Mal strahlt die Bühne in dunklen Blautönen, mal zieren sie gigantische Pusteblumen. Dann wieder prangt dort eine meterhohe Leinwand, auf der das surreale Motiv zweier Liebender zu sehen ist. „Das Bild ist ein Originalwerk von Salvador Dalí, das er in den 1940er Jahren für eine ‚Tristan und Isolde‘-Inszenierung in New York gemalt hat“, erklärt Zirkusdirektor Daniele Finzi Pasca, der rund um diesen Wandbehang das akrobatische Theater-Spektakel „La Veritá“ entstehen ließ.

La Veritá, die Wahrheit, treibt den Schweizer seit langem an und um. „Für mich muss das Theater stets Momente der Wahrhaftigkeit beinhalten“, sagt der 52-Jährige. Der Bühnen-Kosmos aus Pappmache sei eine Möglichkeit, „das Leben immer wieder neu zu entdecken, umzuwidmen und es vielleicht sogar ein Stück wahrer zu machen als es die tatsächliche Wahrheit ist.“ Es war Weihnachten 2010 im verschneiten Kanada. „Buone feste“, wünschte der Freund am Telefon. Und: „Man hat einen Wandbehang von Dalí in einer Kiste gefunden. Interesse?“ Erst wiegelte Daniele Finzi Pasca ab. Doch das staubige Teil ließ ihn nicht mehr los. Zwei Jahre später wurde die Performance von der eigens hierfür gegründeten „Compagnia Finzi Pasca“ im Place des Arts in Montreal uraufgeführt.

„Wir haben den entrückten Kosmos Dalís mit der tragischen Liebesgeschichte von Tristan und Isolde verknüpft. Es sind Fragmente, die zusammengeführt werden. Wie Steinchen, die man sammelt und zu einem wunderbaren Mosaik vereint“, erklärt der Zirkusmacher. Eine Vereinigung, die auf der Bühne durch den Tanz gelingt. „Die surreale Welt wird durch die Bewegung transportiert und transformiert“, ist sich Finzi Pasca sicher. „Akrobatik bringt uns an die Grenze dessen, was menschenmöglich ist. Die Herausforderung ist es, eine Choreographie zu scha en, die aus kraftvollen und zärtlichen Gesten besteht, die für den Betrachter in manchen Momenten spürbar werden.“

Dieses Spürbarmachen von Gesten und Visionen ist ein stilistisches Markenzeichen des Tessiners. Scheinbar mühelos jongliert er mit abstrakten Motiven und übersetzt sie in erlebbare Kunst. Mit diesem Geschick hat Finzi Pasca in den vergangenen 30 Jahren den zeitgenössischen Zirkus, den Cirque Nouveau, geprägt. Er hat für den Cirque du Soleil choreografiert, drei Olympische Spiele mit monumentalen Shows eröffnet und zuletzt klassische Opern inszeniert.

Als junger Mann war er über den Turnsport zum Zirkus gekommen und zunächst als Clown durch die Manege gestolpert. Durch einen längeren Indien-Aufenthalt gereift, wo er Sterbenskranke in den Tod begleitet hatte, gründete der Fotografen-Sohn 1983 das „Teatro Sunil“, das er gerne als „Teatro della Carezza“ bezeichnet, als „Theater der Zärtlichkeit“. Finzi Pasca kreiert Momente, die so sanft sind wie ein Federkitzeln. Die Zuschauer dürfen sich auf berührende Fantasiewelten freuen. Die Zeitung „Le Journal de Montreal“ schrieb über die Inszenierung: „Es ist wie mit offenen Augen zu träumen.“ Kann es etwas Schöneres geben?

Signore Finzi Pasca, kaum einer hat den Cirque Nouveau so geprägt wie Sie. Auch Ihr persönlicher Lebensweg – vom turnenden Clown zum international gefeierten Regisseur von Mega-Shows – spiegelt sich in dieser Stilrichtung. Was erklärt den Erfolg dieser neuen Form von Zirkuskunst?
Im Gegensatz zu früheren Traditionen wurden mit der Entstehung des Cirque nouveau in den 1970er Jahren auf einmal Inhalte und Werte transportiert und eben nicht mehr nur rein ästhetische Ziele verfolgt. Das verstaubte Image der mu gen Manege wurde aufgebrochen zugunsten einer Poesie in zeitgenössischer Form.

Poesie als Kunsterlebnis, das einen ergreift und nicht mehr loslässt?
Im Grunde hat sich der Zirkus zu einer Art Plattform für philosophische Fragen entwickelt. Es werden Wörter verwendet, Ideen, Freiheits-Metaphern, die sich nicht mit der Präsentation dressierter und in Gefangenschaft gehaltener Tiere vertrugen. Stattdessen wurden Schauspieler vom Theater engagiert, um die Artisten als Darsteller unterstützten. Ich selber habe immer versucht, Geschichten zu erzählen, die den Menschen unter die Haut gehen. Dafür habe ich vor gut zwanzig Jahren auch das Teatro Sunil gegründet, das wir als „Teatro della Carezza“ bezeichnen, als „Theater der Zärtlichkeit“. In Stücken wie „Rituale“ oder „Viaggio al Confine“ geht es um kleine, unsichtbare Gesten, die zugleich eine monumentale Bedeutung erhalten können.

Neben Ihren menschlich berührenden Eigenkreationen haben Sie auch für große Compagnien wie den „Cirque du Soleil“ Stücke inszeniert. Wie fühlt sich das an, innerhalb so gewaltiger Apparate kreativ zu arbeiten?
Die großen Produktionen, wie jene des „Cirque du Soleil“ oder die Eröffnungs-Shows der Olympischen Spiele, sind mit einem enormen technischen Aufwand verbunden. Hier geht es darum, Technik und Akteure zusammenzubringen – und dadurch Bilder zu erzeugen, die bis ins letzte Detail ausgeklügelt und stimmig sind. Es ist wahnsinnig inspirierend mit genialen Köpfen, den Besten ihres Fachs, zusammenzuarbeiten. Andererseits steht man dabei unter dem Druck, alles bislang Dagewesene überbieten zu müssen, also die Grenzen des Machbaren immer wieder ein Stück zu verschieben.

Seit einigen Jahren inszenieren sie auch Opern in berühmten Häusern. Ist das Musiktheater für Sie zu einer weiteren Inspirationsquelle geworden?
Ja, es sind für mich wichtige Lern-Erfahrungen, mit herausragenden Direktoren zusammenzuarbeiten, die mit ihren Sängern und Musikern in eine geradezu magische Wechselwirkung treten. Es geht auch mir immer wieder unter die Haut, wie diese Künstler die Noten einer Partitur zu einem sinnlichen und szenischen Hauch werden lassen. Dies sind Empfindungen, die unmöglich in Worte zu fassen sind. Aber ich versuche, sie durch meine Inszenierungen ebenfalls hervorzurufen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie mit der Arbeit an einer neuen Show oder einem neuen Stück beginnen? Haben Sie eine bestimmte Idee von dem, was auf der Bühne passieren soll oder entwickelt sich diese Vorstellung erst im Laufe der Proben?
Meine Arbeiten entstehen gemeinsam mit Kollegen, die zumeist langjährige Wegbegleiter sind. Wir erzählen einander Geschichten und erzeugen Bilder in unseren Köpfen, von denen wir glauben, dass sie das Publikum berühren könnten. Eine gute Idee erkennen wir daran, dass wir spüren, sie könnte die Seele der Zuschauer massieren. Wir fühlen uns dann wie Heilpraktiker des Geistes.

Erschienen in: AUTOSTADT JOURNAL 6-8/16

Foto: Compagnia Finzi Pasca


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