Über michÜber mich ReiseReise MenschenMenschen GesundheitLeben GesellschaftReportage LifestyleStil

Auf die feine englische Art

Liebesschwüre und Schicksalsschläge – die Kostüm-Serie „Downton Abbey“ holt so viele Zuschauer vor die Bildschirme wie kaum ein anderer britischer Export. Unlängst wurde die fünfte Staffel bei uns ausgestrahlt – wieder gab es viel Herzschmerz bei Lord- wie Dienerschaft und einen Knall am Ende. Ein Gespräch mit den beiden guten Seelen des Hauses.



Oh my Lord, was haben wir – und Millionen von Zuschauern weltweit – in den vergangenen fünf Jahren mit der Adelsfamilie Grantham und ihrer Dienerschaft mitgefiebert und -gelitten. Bei ihrem Kampf um die Liebe, bei zu bewältigenden Schicksalsschlägen, bei fiesen Intrigen. 2011 wurde die Kostümdramaserie, die am Beginn des 20. Jahrhunderts spielt, mit einem Eintrag ins Guinness Buch bedacht, als die von Kritikern am besten bewertete Fernsehserie. Sogar Rapper P. Diddy outete sich als Fan und veralberte die Show liebevoll in einem YouTube-Video. George Clooney ließ sich eine Tour durch Highclere Castle in Hampshire – dem Drehort – geben. Selbst Herzogin Kate, ebenfalls leidenschaftliche Anhängerin, war schon am Set.

In der fünften Staffel haben die goldenen Zwanziger Jahre Einzug gehalten. Auch Downton Abbey kann sich dem Wandel nicht verschließen. Statt zum Drei-Gänge-Dinner lädt man zur Cocktail-Party. Die Röcke und Haare werden kürzer, die Nächte länger, der Charleston ersetzt den Walzer. Und wieder beinhalten die Geschehnisse reichlich Herzschmerz und Komplotte. Highlight: die Weihnachtsfolge! Weil die Kostüme noch pompöser sind als sonst und die Folge mit einem Knall endet. Wir haben zwei der Damen getroffen, die mit von der illustren Partie waren. Lesley Nicol, die als liebenswürdige Köchin Mrs Patmore für das leibliche Wohl der Gesellschaft sorgt, und Phyllis Logan, die als Haushälterin und gute Seele Mrs Hughes brilliert. Die beiden haben uns einen Blick hinter die Kulissen von Downton Abbey gewährt und über die Machtverhältnisse im historischen Adelssitz, Zeitreisen und ihre plappernden Ehemänner gesprochen.

Jetzt mal ehrlich, wer hat denn nun die Fäden in Downton Abbey wirklich in der Hand – die Herrschaft oder die Bediensteten?
Phyllis Logan: Ich glaube, beide haben ihr Stück Macht, es sind einfach verschiedene Reiche.
Lesley Nicol: Jede Welt hat ihre Hierarchie. Es gab sogar einen Geschichtsfachmann, der uns eingewiesen hat. Er meinte, dass ich ein wenig unter der Haushälterin Mrs Hughes stehe, in der Küche habe ich aber das alleinige Sagen. In ihrem Bereich ist Mrs Patmore eine mächtige Person.

Was denken denn die Bediensteten über ihre Herrschaft im Obergeschoß?
Phyllis Logan: Da gibt es verschiedene Meinungen.
Lesley Nicol: Es ist eine Altersfrage, die jüngere Generation ist nicht mehr so obrigkeitshörig.

Mrs Nicol, so gekonnt, wie Sie in der Serie mit den Töpfen jonglieren, stellt sich natürlich die Frage, wie viel davon geschauspielert ist – oder sind Sie auch privat eine Koryphäe am Herd?
Lesley Nicol: Um ehrlich zu sein, ich bin eine miserable Köchin. Ich wurde schon mehrfach gefragt, ob ich in der Kochsendung „Celebrity Masterchef" auftreten will. Ich habe stets dankend abgelehnt. In diesem Wettbewerb könnte ich nicht bestehen, nicht in einer Million Jahren. Dafür muss man wenigstens ein bisschen kochen können.

Wer bereitet denn bei Ihnen zu Hause das Essen zu?
Lesley Nicol: Mein Mann. Zum Glück ist er ein begabter Koch. Er macht ein wirklich schmackhaftes Curry und ein sehr gutes Hühnchen.

Und bei Ihnen, Mrs Logan, wie sehr finden Sie sich in Ihrer Rolle wieder?
Phyllis Logan: Na ja, mit dem Organisationstalent einer Mrs Hughes kann ich auch nicht dienen. Als mein Sohn noch zur Schule ging, stand die Frage im Raum, ob ich Elternvertreterin werden möchte. Aber ich kann das nicht. Schulveranstaltungen organisieren, Sponsoren aufstellen und etwa beim Metzger fragen, ob er Würstchen spendiert, das liegt mir nicht.

Wie ist es damit, die gute Seele zu sein? Alle kommen zu einem, bitten um Rat, vertrauen einem ihre Geheimnisse an ...
Phyllis Logan: Eigentlich fragt mich niemand um Rat. Ich würde wahrscheinlich schreckliche Ratschläge geben.
Lesley Nicol: Aber Phyllis ist sehr mitfühlend und liebenswürdig.
Phyllis Logan: Danke. Das bist du auch. Ich glaube aber, sagen zu können, dass ich die Geheimnisse anderer Leute gut hüten kann. Wenn mir jemand etwas im Vertrauen erzählt, dann sage ich es niemandem, nicht mal meinem Mann. Kevin ist eine Tratschtante. Er meint es nicht böse, aber er vergisst es oft, wenn er Informationen nicht weitergeben soll.
Lesley Nicol: Mein Mann ist genauso. Er liest die Drehbücher, die ja eigentlich streng geheim sind, und quält dann seine Freunde mit: „Oh, ich weiß, wie es weitergeht. Soll ich es dir verraten?“
Phyllis Logan: Mir passiert das oft selbst, dass ich mich verplappere, weil ich denke, es wurde schon ausgestrahlt.

Die Serie ist zeitlich am Beginn des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Hätten Sie zu jener Zeit leben wollen?
Phyllis Logan: Nicht wirklich, vielleicht nur für einen Tag, aus Neugierde.
Lesley Nicol: Genau!

Fühlen Sie sich denn in die Epoche zurückversetzt, wenn Sie am Drehort sind?
Phyllis Logan: Absolut! Das ist wahnsinnig spannend, die historischen Requisiten zu sehen oder ein Rezept von etwas ganz Komischem.
Lesley Nicol: Ja, von irgendeinem grauslichen Zeug.

Für den Fall, dass Sie doch eine längerfristige Zeitreise antreten müssten, was wäre Ihnen lieber: Ober- oder Untergeschoß?
Phyllis Logan: Es wäre sicher leichter im Obergeschoß. Aber am Set haben wir unten mehr Spaß. Oben ist es mühsamer, die müssen sich ja ständig umziehen und stundenlang um den Esstisch herumsitzen. Wir haben nur zwei Outfits, das ist sehr praktisch.
Lesley Nicol: Ich kremple meine Ärmel hoch, und dann lasse ich sie wieder runter, das ist mein Spielraum an optischer Veränderung.
Phyllis Logan: Dazu kommt, dass die Szenen aus dem Untergeschoß im Studio gedreht werden. Das ist einfacher und übersichtlicher als in einer großen Halle in einem realen Schloss, wo lauter kostbare Sachen herumstehen und man ständig aufpassen muss, dass man nichts umwirft.
Lesley Nicol: Wo hingegen wir an unserem Set ...
Phyllis Logan: ... machen können, was wir wollen.
Beide: Und das machen wir auch!

Wie hat sich Ihr Leben denn verändert durch den Erfolg der Serie, die weit über die Grenzen Großbritanniens hinaus bekannt ist?
Lesley Nicol: Er hat Türen geöffnet. Das Leben hat sich erweitert, in vielerlei Hinsicht. Nicht zuletzt die Rollenangebote, die plötzlich kommen. Selbst ein Star wie Maggie Smith, eine zweifache Oscar-Preisträgerin, die Lady Grantham spielt, hat einmal gesagt, dass sie erst seit Downton Abbey ständig auf der Straße erkannt wird.
Phyllis Logan: Zudem bringt der Erfolg viele Reisen mit sich. Ich habe gerade einen Trip nach China hinter mir. Dort sehen 160 Millionen Menschen die Serie. Ich war für ein Charity-Projekt eingeladen. Vor zehn Jahren war das undenkbar, da hätte sich keiner für meine Anwesenheit interessiert. Ich treffe nun Leute, die ich sonst nie kennen gelernt hätte. Das hat mein Leben ungemein bereichert. Nicht nur beruflich, auf vielen Ebenen.

Die sechste und letzte Staffel wurde soeben abgedreht. Wie geht es weiter, was steht jobmäßig als Nächstes an?
Phyllis Logan: Das ist ja das Spannende, ich habe keine Ahnung. Wirklich nicht.
Lesley Nicol: Ich bin inzwischen in einem Alter, wo die Leute normalerweise sagen: „Oh, in drei Jahren kann ich endlich in Pension gehen.“ Und ich denke dann: Ich würde mir lieber Reißnägel in die Augen stecken, als aufhören zu arbeiten.

Erschienen in: WIENERIN 11/15

Foto: APA, Picturedesk


xingxing facebookfacebook xingxing xingxing mailmail