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Deutschland so bunt

Blumen, Gewässer, Sonnenuntergänge – das sind Deutschlands schönste Seiten, finden vier junge Männer aus Afghanistan. Im Rahmen des Sprach- und Integrationsprojekts SPRINT des Landes Niedersachsen, das von der Autostadt unterstützt wird, fotografieren Asylbewerber ihre Sicht auf die neue Heimat. Mit dem Ziel einer gelungenen Eingliederung absolvieren sie in der Autostadt außerdem ein abwechslungsreiches Programm: Sie kochen gemeinsam, werden in ihren handwerklichen Fähigkeiten geschult, üben das sichere Fahrradfahren und noch viel mehr.

Mustafa streckt sein Smartphone einer Walze rotierender Blumentöpfe entgegen und drückt auf den Auslöser. Sein Motiv: der „Dufttunnel“, eine Installation des dänischen Künstlers Olafur Eliasson. Von Frühjahr bis Herbst wird die Brücke, die den Audi- mit dem Lamborghini-Pavillon verbindet, mit mehr als 2000 Blumentöpfen bestückt – gerade wurden sie mit Lavendel bep anzt. Dieses Arrangement hat es Mustafa angetan. „Es duftet so gut“, schwärmt der Teenager mit hörbarem Akzent.

Lange Zeit gab es im Leben des Afghanen weder Wohlgeruch noch Farbenpracht. Der braune Staub des Krieges, der schwarze Terror der Taliban und graue Perspektivlosigkeit bestimmten seinen Alltag. So wie den von Farid, Nasratullah und Abdullah. Auch sie laufen gerade mit ihren Handys durch die Autostadt und halten Ausschau nach Motiven. Ihr Auftrag: Sie sollen Fotos machen, von dem, was sie mit Deutschland, ihrem neuen Zuhause, verbinden.

Eine Collage der besten Schnappschüsse wird anlässlich eines Bildungsgesprächs mit dem Religionsphilosophen Milad Karimi in der Autostadt zu sehen sein. „Die vier Jugendlichen nehmen an SPRINT teil, einem Projekt für Sprache und Integration des Landes Niedersachsen. Die Autostadt ist Kooperationspartner und bietet ihnen eine Reihe von Kursen“, erklärt Brenda Frey, Programmplanerin der Inszenierten Bildung, der pädagogischen Fachabteilung der Autostadt, die auch das Foto-Projekt begleitet.

Die Jungs sind vier von 52.000 registrierten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die sich zurzeit in der Bundesrepublik aufhalten. Allein hatten sie sich auf den Weg gemacht, ohne eine Vorstellung, was sie an ihrem Zielort erwarten würde. Inzwischen wissen sie mehr. „Ich mag die Pünktlichkeit in Deutschland“, sagt Farid, der seit zehn Monaten in einer Wohngruppe in Wolfsburg lebt und genau weiß, wohin seine Reise weitergehen soll: „Ich möchte Krankenpfleger werden, ebenso wie mein Freund Abdullah.“ Er ist auf dem besten Weg. Wie seine Kumpels besucht er die berufsbildende Schule und lernt erst mal Deutsch und wie man sich in der ungewohnten Umgebung und Kultur zurechtfindet. „Die Jugendlichen sind sehr wissbegierig. Aber auch sehr ungeduldig“, sagt Ute Boog, Lehrerin in einer SPRINT-Klasse. „Am liebsten würden sie schon morgen arbeiten, Geld verdienen, eine eigene Wohnung beziehen.“

Aber so schnell gehe das nun mal nicht. Um den Prozess zu beschleunigen, wurde SPRINT an der Berufsbildenden Schule 2 in Wolfsburg im Dezember 2015 eingerichtet. „Das Sprach- und Integrationsprojekt soll Asylbewerber im Alter zwischen 16 und 21 Jahren praxisnah an das Leben in der Bundesrepublik heranführen“, erklärt Ute Boog. Es geht um Spracherwerb, Einführung in die regionale Kultur- und Lebenswelt sowie in das Berufs- und Arbeitsleben. Integration wird in der Autostadt von jeher großgeschrieben. Schon seit längerem gibt es hier zum Beispiel Angebote für Menschen mit Handicap. Der Bitte, am Förderprogramm für junge Flüchtlinge mitzuwirken, hat die Autostadt sofort zugestimmt. Kerstin Johannes, eine auf Inklusion spezialisierte pädagogische Fachkraft der Autostadt, ist maßgeblich an der Umsetzung der Kurse beteiligt: „Seit Anfang des Jahres sind die rund 30 Berufsschüler, darunter zwei Mädchen, regelmäßig für Workshops bei uns. Wir wollen ihnen spielerisch hiesige Verhaltensregeln und Gebräuche näherbringen.“ Das sind oft simple Dinge wie Brötchen backen, Kartoffelsuppe kochen, ein kleines Boot aus Metall löten oder auf einem Fahrrad-Parcours Verkehrsregeln lernen.

Die Ausstellung der Fotos markiert das Ende des ersten, knapp einjährigen SPRINT-Durchlaufs. „Wir werden die Jungs und Mädchen vermissen. Freuen uns aber schon auf die nächsten Teilnehmer, die gleich darauf kommen werden“, sagt Kerstin Johannes. Und sie fügt hinzu: „Nicht nur die Jugendlichen haben viel erfahren, auch wir Lehrbeauftragten haben von ihnen gelernt.“ Der im Rückblick schönste Moment war für sie: „Als einer der Jungs ganz spontan einer Mitschülerin beim Fahrradfahren half. Es gab lange Zeit kaum Interaktion zwischen den Geschlechtern, sie kannten es aus ihrer Heimat nicht anders. Ich fand es berührend, zu sehen, wie auch diese Barrieren langsam schwinden.“

Farids Aha Erlebnis war die Ampel auf dem Fahrrad-Parcours. „Bei uns im Dorf gab’s keine. Ich verstand erst gar nicht, wofür die Farben stehen. Jetzt weiß ich es“, sagt der 17-Jährige, der täglich zur Schule radelt und nie wieder eine rote Ampel oder ein Stoppschild übersehen will. Nasratullah, der von einer Karriere als Mechatroniker und von „deutschen Freunden“ träumt, zieht es regelmäßig an den nahegelegenen Großen Schillerteich. Immer wieder fotografiert der 17-Jährige seinen Lieblingsplatz mit dem Handy und schickt die Bilder an die Familie in Afghanistan. Besonders wenn die Sonne untergeht, seien die Farben wunderschön, findet der junge Mann. Eines dieser Fotos, hofft er, soll es in die Ausstellung schaffenn.

Erschienen in: Autostadt Journal 11/16

Foto: Anna Thut


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