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Freuden der Raum-Forschung

Fantastische Märchenwelten für die Kantine, ein Vorstandsbüro in Form einer Praline und eine Weltraumstation für Erfolgsautor Frank Schätzing: Das Designstudio Ash ist für seine ungewöhnlichen Bürokonzepte bekannt – ein Besuch im Arbeitsraum der Expertinnen.

Nur wenig Tageslicht dringt in das Backsteingebäude mit den großteils unverputzten Wänden, Köln zeigt sich im grauen Nieselwetter. Dennoch empfängt das 450-Quadratmeter- Büro mit dem leuchtenden Eingangstresen aus Honig-Onyx, der Bibliothek aus Grey-Wood-Vein-Naturstein und den schwebenden Leuchten den Besucher warm, freundlich und offen. Selbst Toiletten und Teeküche wurden nicht im hintersten Eck versteckt, sondern in einem frei stehenden verspiegelten Kubus untergebracht. Zwei Mitarbeiter beugen sich zu einem Computerbildschim runter, sie diskutieren leise einen Entwurf. Lärm macht nur Bondai, der Australian Shepard, der bellend zur Tür gelaufen kommt, um Neuankömmlinge zu begrüßen.

Ihm folgen die Chefinnen des Designbüros Ash, dessen Name sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen zusammensetzt: Astrid Kölsche (50), Silke Pabelick (40) und Heike Bertschat (48) gelten deutschlandweit als eines der kreativsten Teams im Bürodesign. Eine Rampe aus matt lackierter Eiche führt zu ihren Schreibtischen, auf einem prangt eine wuchtige Schale aus chinesischem Flusskiesel, am ansonsten nackten Gemäuer hängt eine mannshohe Abbildung eines Besteckmessers, durch eine Terrassentür fällt der Blick auf den grauen Innenhof. „Wir wollen ihn begrünen und im Sommer Grillpartys veranstalten“, erzählt Lichtexpertin Bertschat. Sie führt weiter zum Besprechungsbereich, der von einer Theke aus schneeweißem Naturstein geprägt wird. Erwartbar geschmackvoll, aber auch überraschend schlicht präsentiert sich das Reich der Fachfrauen.

Ihr erstes Zusammentreffen? Das war 2006 in Harry’s New York Bar in der Rheinmetropole. „Astrid und ich arbeiteten damals in demselben Büro“, erzählt Inneneinrichterin Pabelick, „wir wollten uns selbstständig machen, und ich wusste, Heike würde gut zu uns passen.“ Der erste Auftrag wurde gleich ein Erfolg, die nächsten folgten rasch. Im Laufe der Jahre haben sich die drei mit ihren innovativen und zum Teil sehr ausgefallenen Konzepten einen Namen gemacht. Für einen Energiekonzern gestalteten sie eine Kantine in eine „Alice im Wunderland“-Landschaft um, der Vorstandsbereich eines Schokoladenfabrikanten wurde zur überdimensionierten Praline, der VIP-Bereich eines Fußballstadions in einen stylishen Lounge- Bereich umgebaut – allesamt gewagte Unterfangen, zumal die drei Powerfrauen nie einen Plan B in der Hinterhand haben. „Wir präsentieren immer nur einen Entwurf“, sagt Architektin Kölsche, „nur eine 3-D-Animation, und die muss sitzen.“

Bislang sei das in 99 Prozent der Fälle gut gegangen. Schließlich hätte man ja auch Vorgespräche geführt, die Kunden wüssten also, worauf sie sich einlassen. Schlaflose Nächte vor einer Präsentation sind daher äußerst selten. Kölsche erklärt: „Unsere Herangehensweise erfordert Mut, weil man vieles so noch nicht gesehen hat. Andererseits ist man als Designer tot, wenn man nichts wagt, also auch mal danebenzuliegen.“ Kollegin Pabelick fügt hinzu: „Es ist nicht unser Anspruch, dass jeder versteht und gut findet, was wir machen.“ Auch wenn dafür schon mal das Licht quasi neu erfunden werden muss – wie bei der LED-Decke über einem Indoor-Swimmingpool, auf der mithilfe einer Dachkamera der Himmel live und in 3-D abgespielt werden kann.

Experimentierfreudig ja, trendy nein, so beschreiben die Gestalterinnen ihren Stil. Zurück zum Daseinszweck der Firma: Was macht gutes Bürodesign aus? Kölsche ist sich sicher: „Es geht fast immer um Kommunikation, um die Frage: Wie kriege ich die Mitarbeiter dazu, mehr miteinander zu sprechen? Wir schaffen den bestmöglichen Rahmen dafür. Es gibt Studien, die besagen, dass selbst das Licht oder die individuelle Einstellbarkeit von Leuchtkörpern Auswirkungen auf die Arbeitsmoral haben.“ Die Herausforderung der Planerinnen besteht darin, dass das Gesamtkonzept trotz Topfpflanzen und Urlaubsfotos funktionieren muss.

Bertschat führt den neuesten Stand der Technik vor. Sie hält ein Tablet in die Höhe und demonstriert mit einem Fingerwisch einen Rundgang durch ein virtuelles Haus. „Wir gehen kaum noch Irrwege“, berichtet sie, „es gibt nicht mehr den Fall, dass Proportionen am Ende nicht passen.“ Die Digitalisierung habe ihre Arbeit enorm erleichtert, die Planerinnen – und auch die Bauherren – könnten am Bildschirm ausprobieren und sofort sehen, was geht und was nicht. Der einzige Wermutstropfen: die riesigen Datenmengen, die schon mal den Server lahmlegen.

Nun fährt draußen ein Smart in den schmalen Hof. Ein Mann mit grauem Wuschelhaar steigt aus und tritt festen Schrittes auf die Eingangstür zu. Einer ihrer bekanntesten privaten Auftraggeber, der Bestsellerautor Frank Schätzing, ist gekommen, um von seinem Traumbüro made by Ash zu erzählen. Mit Küsschen links, Küsschen rechts begrüßt er das Ash-Trio. Das Schicksal habe sie zusammengeführt, glaubt Schätzing. Denn der erfolgreiche Schriftsteller – allein von seinem Science-Fiction-Thriller „Der Schwarm“ wurden knapp vier Millionen Exemplare verkauft – hatte seine Bücher bis vor vier Jahren im Café vis-à-vis seiner Wohnung geschrieben. „Das war auf die Dauer ruinös, und ich hatte den zweifelhaften Ruf, abends immer der letzte Gast zu sein“, begründet Schätzing seinen Arbeitsortswechsel.

Als die Gestaltung seines ersten eigenen Büros anstand, habe er kurzerhand seine Nachbarin, Lichtplanerin Bertschat, und ihre Partnerinnen damit beauftragt. „Nach dem Vorgespräch hatte ich das Gefühl, die Frauen wissen mehr über mich als ich selbst.“ Dafür wusste er von Anfang an ganz genau, was er wollte: eine „Spielwiese für die Entfaltung meiner Interessen in einer heiteren und friedfertigen Atmosphäre, um die vielen Toten in den Romanen zu konterkarieren“. Auf der Basis dieser klaren Vorgabe wurde aus einer 80-Quadratmeter-Wohnung ein Büro mit detailreichen Zitaten aus den futuristischen Werken des Kunden.

Los geht’s im verspiegelten Eingangsbereich, „der erinnert an ,Raumschiff Enterprise‘“, findet Pabelick. Auf dem Glas prangt eine Gravur des Mondaufzugs aus dem 1300-Seiten-Roman „Limit“. Dafür wurde eine zehn Zentimeter große Skizze Schätzings auf zwei mal drei Meter hochgerechnet und auf die glatte Oberfläche gelasert. Im Zentrum des Arbeitsraums selbst steht ein quadratischer Tisch, ein ehemaliger Obduktionstisch, der höhenverstellbar ist, denn „meinen Bandscheiben zuliebe arbeite ich gern mal im Stehen“, erklärt der Autor. Darauf liegt eine weiße Fläche, die an das berüchtigte leere Blatt erinnern soll. Auf dem verchromten Tischfuß spiegelt sich eine an der Unterseite des Tischs angebrachte Intarsie, an der Wand hängt ein riesiger Bildschirm. Mal schwimmen dort virtuelle Fische im tiefen Ozean, mal gibt er den Blick auf die Mondoberfläche frei.

„Wir hätten noch Millionen Ideen gehabt, aber leider gab es nicht genug Raum für alle“, bedauert Kölsche. Platz für Schätzings riesige Donald-Duck-Figuren- Sammlung musste aber sein, und für ein kleines Tonstudio, in dem der 56-Jährige in seinen Schreibpausen selbst komponierte Songs aufnimmt. „Design mit einem hohen Wohlfühlfaktor – absolut state of the art und gleichzeitig funktional –, mehr geht nicht“, lobt Schätzing das Ergebnis. Der Blick aufs Meer, wie man sich das bei Schriftstellern so gern vorstellt, würde ihn nur ablenken. „Mein Büro ist wandelbar wie ein Model: So wie du es schminkst, so sieht es aus. Die jeweilige Geschichte, die ich schreibe, füllt den Raum und wird lebendig.“

Und sollte der kürzlich erschienene Roman „Breaking News“ an den Erfolg seiner Vorgänger anknüpfen, hat das einfallsreiche Trio wohl einen wertvollen Beitrag dazu geleistet. Denn noch nie sei die Kreativität des Autors so beschleunigt gewesen wie in den von Ash konzipierten Räumlichkeiten. Das sagen nicht die drei Macherinnen, das sagt der zufriedene Kunde.

Erschienen in: Lufthansa Exclusive 4/14

Foto: Andreas Fechner


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