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Die Meister der Axt

Geradeaus fahren sie nur, weil sie schief gebaut werden: Die Gondeln von Venedig sind das Wahrzeichen der Kanäle. Ihre Geschichte reicht bis ins 11. Jahrhundert zurück, heute pflegen nur noch wenige Werften das aufwendige Handwerk. Ein Besuch in der ältesten Manufaktur der Lagunenstadt.

Während gigantische Kreuzfahrtschiffe den Canale della Giudecca fast zum Überschwappen bringen und Pauschaltouristen auf der Durchreise die kleinen Gassen verstopfen, ist das Leben an manchen Orten in Venedig noch genauso wie vor hundert Jahren. Im Viertel Dorsoduro, im südlichen Teil des centro storico, erreicht man ein unscheinbares Metalltor, das von einer baufälligen Backsteinmauer eingerahmt wird. Einmal klingeln, zweimal klingeln, erst beim dritten Anlauf hört man leise Schritte. Roberto Tramontin lässt sich nicht hetzen. Und es kümmert den 60-Jährigen auch nicht, dass Fremde an seinem starken venezianischen Dialekt verzweifeln. Der Gondelbauer freut sich aber sichtlich über den Besuch und bittet herein, um von dem fast vergessenen Handwerk zu erzählen, das er betreibt. Holzböcke stehen auf dem Vorplatz, rostige Eimer, ein klappriger Rollwagen. Farbkleckse zeichnen ein wildes Muster auf den Steinboden.

Kaum zu glauben, dass in diesem verschlafenen Hinterhof, der auf einer Seite in den Rio de l’Avogaria übergeht, früher mal Boote für die italienische Königsflotte gebaut wurden. Im Jahr 1884, als Roberto Tramontins Großvater Domenico die Manufaktur gründete, boomte das Geschäft. Heute gibt es noch vier Bootsbauer in der Stadt. Die Firma Tramontin & Figli trug Entscheidendes zur Stadtgeschichte bei. Denn der Großvater hat die Gondel in ihrer heutigen Form überhaupt erst entworfen, damals, Ende des 19. Jahrhunderts. Exakt 10,85 Meter ist sie lang und 1,42 Meter breit. Und sie ist asymmetrisch, auf der linken, der Backbordseite, stärker gewölbt, dadurch länger und breiter als auf der anderen Seite. Der Grund dafür liegt im Geschäftssinn der Käufer. „Weil sie sich einen Gondoliere sparen wollten, haben sie das Boot einfach neu erfinden lassen, so kann es von einer Seite betrieben werden und liegt trotzdem gerade im Wasser“, erklärt der Hausherr. Eine symmetrische Gondel würde immer nur im Kreis fahren.

Erfunden wurde die Gondel aber natürlich schon lange vor dem Wirken der Familie Tramontin. Im 11. Jahrhundert erstmals erwähnt, waren die Wasserfahrzeuge im 16. Jahrhundert mit rund 10 000 Stück auf dem Gipfel ihres Erfolgs. Damals waren sie Transportmittel Nummer eins – und Statussymbol für reiche Venezianer. Sie ließen die Boote in schillernden Farben bemalen, mit Vergoldungen schmücken, die Sitze mit Brokat oder Seide beziehen. Die Prunksucht endete 1562, als ein Gerichtsbeschluss die Farbe Schwarz als Einheitslack vorschrieb. Diese Vorschrift gilt bis heute. Nur das Panorama zur See ist diverser geworden, längst kreuzen auch Wasserbusse (vaporetti), Fährschiffe (traghetti) und Wassertaxis die Kanäle. Knapp 500 Gondeln sind als Wahrzeichen ver- blieben. Ihre Chauffeure, mit Ringelhemd, Strohhut und einer Arie auf den Lippen leicht auszumachen, profitieren von den jenen Besuchern, die hier (wo sonst?) ihre romantische Ader entdecken. 80 Euro kostet eine halbstündige Fahrt bei Tag, ab 100 Euro am Abend. Die Zahl der Lizenzen ist streng limitiert, derzeit sind 428 vergeben. Der Nachwuchs muss eine Ausbildung in Ortskunde, Navigation und Fremdsprachen absolvieren und darf erst ans Ruder, wenn einer der alten Gondolieri abdankt.

Tramontin deutet auf den in der Sonne liegenden Bretterstapel. Neun verschiedene Holzarten werden verarbeitet, darunter Eiche, Nussbaum, Kiefer, Linde, Ulme und Kirsche. „Die Hölzer werden über Jahre getrocknet, bis sie die richtige Beschaffen- heit haben“, erklärt der Experte und geht voraus in die Bootshalle. Es dauert einen Moment, bis sich die Augen an das schwache Licht gewöhnt und zwei schlanke Boote ausgemacht haben, die aufgebockt ihrer Restaurierung harren. Einmal pro Jahr muss neu lackiert werden. Spätestens 14 Jahre nach dem Bau steht eine Generalüberholung an, weil sich die Schiffe im Salzwasser der Lagune gerade biegen.

Die Wartung ist längst die Haupteinnahmequelle der schreinernden Zunft. Der Markt für neue Gondeln ist klein, was auch an der langen Lebensdauer der Boote liegt. Nur ein Prachtstück verlässt jährlich Tramontins Miniwerft. Mehrere Monate Schweiß, Hingabe und ein paar geheime Kniffe braucht es, bis die 280 Einzelteile perfekt an- und ineinander gefügt sind. „Eine Gondel muss zu ihrem Eigentümer passen wie ein Schuh zum Fuß“, so Tramontin. Deshalb misst er zuerst Größe und Gewicht eines Gondoliere, bevor er ihm sein Exemplar fertigt. Am Ende wechselt das zwischen 400 und 500 Kilo schwere Gefährt für den Wert eines Mittelklassewagens den Besitzer. Der Preis sei nach oben hin ganz offen, erklärt der Meister, einmal habe er ein Modell mit Goldverzierung für gut 100 000 Euro verkauft.

Der Erbauer kann sich an jedes einzelne seiner Werkstücke erinnern, „so als ob es ein eigenes Kind wäre“. Er hat noch genau die Gondel im Kopf, die im Jahr seiner Hochzeit entstand. Oder jene aus der Zeit, als seine Tochter zur Welt kam. Er weiß, wie das Boot aussah, an dem er arbeitete, als ein verheerendes Hochwasser im Jahr 2008 die Stadt heimsuchte. Das Exemplar, das gerade in der Werkstatt liegt, hat noch ein paar Semester mehr auf dem Rumpf, es ist ein Fabrikat seines Großvaters. Liebevoll streicht der Italiener mit zerfurchten Fingerkuppen über die Unterseite der Sitzbank. Dabei ertastet er die traditionelle Unterschrift: drei Einkerbungen, die Herkunft aus der Tramontin-Werkstatt markierend.

Im Hintergrund wird es laut. Michele Pulliero, der 27-jährige Lehrjunge, bereits der zwölfte, den der Chef ausbildet, hantiert mit der Flex. Nur wenige, sagt er, hätten das Zeug zum „Maestro d’Ascia“, zum Meister der Axt. So nennen sie die Gondelbauer in Italien. Wobei nicht einmal der Boss diesen Berufstitel trägt. Da hat er es gehalten wie sein Vater, der einst meinte: „Jemand, der eine Prüfung von mir abnehmen will, muss besser sein als ich. Den werden sie nicht finden.“ Neben der Werkstatt, dem Wissen und seiner Sturheit hat Tramontin noch etwas vom Senior auf den Weg bekommen: „Eine Axt muss scharf sein, nur dann schlägt sie ins Holz. Eine stumpfe Axt geht immer in den Schuh.“ Wenn man denn welche trägt, der Vater arbeitete nämlich immer barfuß. Abgesehen davon, dass Tramontin auf robuste Treter vertraut, unterscheidet sich seine Arbeits- weise aber kaum von der seiner Vorfahren. Er sagt: „Es gibt nichts, was man jetzt noch verbessern könnte. Wir haben den Gipfel der Bootskunst erreicht. Würde man jetzt etwas ändern, stiege man wieder ab.“ Der traditionsreiche Familienbetrieb selbst steht nicht ganz so sicher da, ein Stammhalter mit nautischen Ambitionen, ein handwerkelnder Erbe, fehlt. Die Tochter bastelt als Schmuckdesignerin immerhin Preziosen aus alten Gondelteilen und verkauft diese in einem der vielen Souvenirläden. Tramontin weist mit dem Arm in Richtung Zentrum, dort hinten, man könne den Shop gar nicht verfehlen.

Das Tor der Werft fällt ins Schloss. Vorbei ist es mit der ehrfürchtigen Werkstattruhe. Das andere Venedig, das bekannte, überrannte und laute Venedig, breitet sich wie ein Wimmelbild aus. Die Menschenmenge reißt einen mit. Immer weiter stadteinwärts. Dorthin, wo man schon von weitem laut und durcheinander das kehlige „Gondola, gondola, gondole“ der geschäftstüchtigen Bootsmänner hört.

Erschienen in: Lufthansa Exclusive 12/15

Foto: Dutton Colin/Huber; Monika Houck


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